Theatermarathon

6 Tage 6 Stücke – eine ganz besondere Woche in Hamburg

Nachdem wir nun seit fast einem Monat wieder daheim sind, nachdem die Eindrücke gesackt und die Inspirationen in die Arbeit geflossen sind, ist es an der Zeit, ein kleines Resümee zu ziehen.
(Achtung, der Text ist dieses Mal ein wenig länger!)

Für diejenigen, die nicht dabei waren: Unsere Theaterwerkstatt hat einen einwöchigen Ausflug nach Hamburg gemacht, hat sechs Tage lang jeden Vormittag mit Theatertraining verbracht und sich sechs sehr unterschiedliche Inszenierungen in den großen Theatern der Hansestadt angesehen.
Und dabei standen für die 14 – 18jährigen keineswegs typische Jugendtheaterstücke auf dem Programm.

Die Inszenierungen

Hexenjagd

Den Auftakt machte Arthur Millers “Hexenjagd” am Thalia-Theater in Hamburg (siehe Kritik von Stefan). Eine interessante, bilderreiche Inszenierung mit Videoinstallation. Hier konnte beobachtet werden, wie eine Inszenierung, die schauspielerische Leistung eines Ensembles und die Technik (Bühnenbild und Licht) ein geschriebenes Theaterstück ganz neu und mit sehr frischen Ideen beleben kann.

Vor Sonnenaufgang

Am nächsten Abend dann “Vor Sonnenaufgang”, inszeniert von dem Wiener Burgtheater im Kulturzentrum Kampnagel. Die Inszenierung spielte mit starken Bildern, war aber sehr textlastig und in dem ausverkauften Saal mitunter schwer zu verstehen. Die Schauspieler, die in ihrer Leistung bewiesen, warum sie als die besten Schauspieler Deutschlands gelten, mussten aufgrund der akustischen Verhältnisse auf Kampnagel leider mit Headsets arbeiten. Was uns die Gelegenheit gab, einmal darauf aufmerksam zu werden, wie sehr das Theater doch von der Direktheit und dem Live-Erlebnis lebt. Davon, dass man nicht nur den Text versteht, sondern auch hört, von wo er gesprochen wird, um die Stimmen im Augenblick des Sprechens den Figuren zuordnen zu können.

Und wir lernen daraus: Stimmübungen und lautes, deutliches Sprechen sind die Grundlage jeder Bühnenarbeit.

Der Text war sehr anspruchsvoll und dicht geschrieben. Es lohnt sich sicher, ihn noch einmal zu lesen, denn über viele Aussagen sollte man noch einmal in Ruhe nachdenken. Und die schlechte Akustik (und die schlechte Luft im Saal) machten das Zuhören zur harten Arbeit.

Aber den hervorragenden Schauspielern zusehen zu können, bei denen jede Geste, jeder Impuls und jedes Energielevel perfekt saß, hat den Abend, wie ich finde, zu einem ganz besonderen gemacht.

Tod eines Handlungsreisenden

“Tod eines Handlungsreisenden” war das Stück des dritten Abends. Ein Lehrstück darüber, wie man das Thema eines Stückes in neue Bilder und Symbole verpacken kann, um es herauszuschälen. Die Handlung spielt in der Amerikanischen Provinz in den 50er Jahren. Das Thema: Wie die Leistungsgesellschaft den einzelnen in Selbsttäuschungen, Isolation und letztendlich in den Tod treibt. Inszeniert war es allerdings als ein Sportstück um eine Tischtennisplatte und eine vertikale Tanzstange herum, auf einer ansonsten leeren Bühne. Die tollen Schauspieler des Thalia-Theaters, die einfallsreiche und sehr genaue Regie und die perfekt eingesetzte Lichttechnik passten hier so exakt ineinander, dass sowohl die Tragikkomik der Figuren als auch die Ausweglosigkeit der Situation denkbar und fühlbar wurden.

Heiß auf zweite Liga

Am vierten Abend gönnten wir uns in den Kammerspielen ein Stück Boulevard-Theater unter dem Motto: Muss man auch mal gesehen haben.

Das Stück trug den Namen “Heiß auf zweite Liga”, beinhaltete eine groteske Geschichte um den HSV und war gespickt mit Witzen, Anspielungen und Sticheleien, die zum großen Teil nur zu verstehen waren, wenn man entweder Fußballinteressiert war, oder wenigstens die Ex-Spieler des Vereins kannte. Aber an der schauspielerischen Leistung des Ensembles konnte man das etwas andere, übertriebenere und holzschnittartige Spiel, welches das Boulevardtheater ausmacht, wunderbar beobachten.

Nora

Stefans Lieblingssatz “Wer Theater spielt muss viel Theater sehen – auch schlechtes” kam dann am nächsten Abend zum Tragen. Das Ernst-Deutsch-Theater gab “Nora – ein Puppenheim” von Ibsen. Die einhellige Meinung unserer Truppe: Ein wichtiges, interessantes Stück – aber eine unterirdische Inszenierung. Die Bühne viel zu groß für ein Kammerspiel, die Schauspieler unmotiviert, eine Regie praktisch kaum vorhanden, falsche Auf- und Abgänge, Gesten ohne Impulse, blutleere Figuren… Diese “Nora”-Inszenierung war in dieser Woche die Aufführung, bei der wir alle am meisten gelernt haben. Nämlich: Wie man es am besten nicht macht. Welche Stolperfallen, welche Fehlerquellen und wieviel ungewollte Komik sich in einer schlechten Inszenierung verstecken. Und das man sowohl als Profi als auch bei uns auf der Amateurbühne seinen Job um des Publikums Willen in jeder Probe und bei jeder Aufführung ernst nehmen sollte.

Orpheus

Entschädigt wurden wir dafür am Sonntag mit einer gehörigen Portion Gänsehaut. Im Thalia-Theater wurde der Mythos von Orpheus als Theaterperformance mit Sprachzitaten, Tanz, Bewegungsschauspiel, viel Musik und bewegenden Momenten geboten. Und hat uns alle umgehauen. Der Regisseur Antú Romero Nunes hat Orpheus mit einer Frau besetzt und den Fokus auf die Liebe zwischen ihr und Eurydike gelenkt. Anders als in der Sage, wo Eurydike von einer Giftschlange gebissen wird, ist es bei Nunes Göttervater Zeus selbst, der sie im Rausch umbringt. Sie muss in die Unterwelt, Orpheus trauert, beschließt aber dann, sie zurück zu holen. Als begnadeter Sänger erweicht er die Herzen aller Unterweltbewohner und darf Eurydike wieder mit nach Oben nehmen – vorausgesetzt, er dreht sich beim Aufstieg nicht nach ihr um. Nunes lässt in seiner Inszenierung das (bekannte) Ende offen.

Der perfekte Einsatz einer Drehbühne für choreographierte Gänge, eine Fülle eindrücklicher Bilder, eine exakt gesetzte Lichtchoreographie, tolle Musik und hervorragende, spielfreudige Schauspieler machen “Orpheus” tatsächlich zu einem Kandidaten für das Stück des Jahres.

Das Training

Dienstag- und Mittwochvormittag verbrachten wir mit Schauspielübungen zum Thema körperliche Präsenz auf der Bühne. Stehen und Gehen in konzentrierter Anwesenheit, Bühnenspannung durch die sogenannte neutrale Haltung, schnelle Emotionswechsel und Improvisation standen auf dem Programm. Und das in einer Atmosphäre von Spaß und Ernsthaftigkeit. Es zeigte sich, dass die Kombination aus Theater sehen am Abend und Theatertraining am Vormittag genau die richtige Mischung zum Wecken des eigenen Engagements beim Üben darstellten.

Am Freitagvormittag bekamen wir im Thalia-Theater eine spielerische Nachbereitung des Stückes “Tod eines Handlungsreisenden” angeboten. Die Theaterpädagogin des Theaters ließ uns auf der Probebühne in die Figuren des Stückes schlüpfen, sie von innen erkunden, Fragen stellen, kurze Szenen improvisieren und das alles auf eine sehr gut aufgebaute, interessante und anregende Weise.

In-die-Stadt-Theater

Und am Samstag ging es dann, nach einer gründlichen Vorbereitung am Vormittag, in die Innenstadt. “In-die-Stadt-Theater” heißt eine aus den 70ern und 80ern stammende Theaterform, in der kurze Szenen zu einem bestimmten Thema mitten in der Menge der Stadtbummler, Straßenbahnmitfahrer und Anwohner improvisiert werden. Das Ziel ist es, die Umstehenden nicht erkennen zu lassen, dass es sich um eine Theaterszene handelt und sie durch die Aktionen zum Nachdenken anzuregen. Man nennt es daher auch “verstecktes Theater”.

Und die Mitglieder der Gruppe haben ihre Sache wirklich super gemacht.

Eine halbe Stunde lang mussten sie sich auf dem Rathausplatz jemanden aussuchen, ihn spiegeln (das heißt, seine Körperhaltung und -bewegungen nachahmen), sich zu dieser Körperlichkeit eine kleine Biographie ausdenken und sich dann eine weitere halbe Stunde als diese Figur auf dem Platz bewegen.

Und danach ging es mit diesen Figuren in die Straßenbahn, wo kleine Szenen (eine übermüdete schläft an der Schulter der Sitznachbarin ein, zwei zickige Mädchen lästern über einen Jungen im Waggon, ein Pärchen gerät in einen lauten Streit) improvisiert und die Reaktion der Mitreisenden beobachtet wurden. Man muss für diese Übungen über seinen eigenen Schatten springen, muss die eigene Scheu überwinden, muss sich auf seine angelegte Figur verlassen. Das ist eine enormer Sprung ins kalte Wasser. Und ausnahmslos alle haben diesen Sprung mit Bravour gemeistert. Wir konnten es nach dem Aussteigen durch die Fensterscheiben der Waggons beobachten. Menschen, die den Schauspieler*innen fassungslos hinterher sahen, aufgeregte Diskussionen begannen und oft nicht glauben konnten, was sie da gerade “beobachtet” hatten.

(Natürlich waren die Spielenden immer save – geschützt durch die Gruppe, die jederzeit in brenzligen Situationen hätte eingreifen können.)

Theaterbesichtigung

Neben den Aufführungen und der Probe im Thalia hatten wir am Donnerstag auch noch die Gelegenheit, das Thalia-Theater von Innen zu besichtigen und wurden durch die Gewerke vom Bühnenbildbau, über die Technik, bis zu den Schneidern und dem Malersaal geführt. Der Schwerpunkt lag bei der Führung auf die breite Berufsmöglichkeiten am Theater. Und wer einmal den Technikern, Bühnenbauern, Schneidern und Malern bei der Arbeit zusehen durfte, bekommt ein ganz anderes Gefühl für die Aufführung am Abend, wo man ja immer nur die Schauspieler sieht und nicht den riesigen Mitarbeiterstab, der hinter der Bühne werkelt. Und Fragen zu den Ausbildungsberufen und den Stellen im Theater wurden dann auch reichlich gestellt.

Resümee

“Ich hätte für Jugendliche nicht gerade diese Stücke ausgesucht”, staunte die Theaterpädagogin des Thalia-Theaters, die an einem Vormittag mit den Jugendlichen arbeitete. Aber die detaillierte Weise, in der die Theaterwerkstatt-Mitglieder über die Stücke berichteten, schwärmten und kritisierten, überzeugte auch sie von dem Konzept. Denn Jugendtheater ist stets bemüht, die Sehgewohnheiten der Jugendlichen zu bedienen, um sie für das Theater zu begeistern. Wir hingegen möchten die Sehgewohnheiten, die von Film und sozialen Medien geprägt sind, verändern. Denn bei guter Vor- und Nachbereitung sind auch ungeübte Theaterbesucher durchaus in der Lage, Theater als eigene Kunstform zu verstehen. Sie erkennen dann die symbolische Bildersprache eines guten Theaterstückes und können in der Nachbesprechung Stück, Regie, schauspielerische Leistung, Bühnenbild und Lichteinsatz einzeln bewerten und aufeinander beziehen. Und die Kritiken der Teilnehmer bei den Nachbesprechungen der Stücke waren in dieser Hinsicht sehr detailliert.

Ich denke, das Konzept der Fahrt ist voll und ganz aufgegangen, wir alle hatten Spaß, haben neues gelernt, viel anregendes und aufregendes gesehen und ganz nebenbei ist Hamburg auch eine schöne und spannende Stadt – denn ein wenig Freizeit für Shoppen und Sightseeing blieb natürlich auch.

Bleibt noch den Theatern zu danken. Auch sie waren darüber erstaunt, dass junge Menschen sich eine Woche lang jeden Tag eine Inszenierung anschauen. Und haben uns dafür zu tollen Preisen Karten für sehr gute Plätze abgetreten. Und besonders das Engagement des Thalia-Theaters, dass uns die Einblicke hinter die Bühne gewährte und auch noch eine spielerische Nachbereitung des Stückes “Tod eines Handlungsreisenden” anbot, war großartig.

Schlussapplaus für die Teilnehmer

Eine solche, vollgepackte, anstrengende Tour mitzumachen, dabei die ganze Zeit so neugierig, interessiert und ernsthaft bei der Sache zu bleiben, das ist eine echte Leistung. Ich empfand die Atmosphäre in der Gruppe als positiv und entspannt. Sie war geprägt von dem Gefühl, sich auf einander verlassen zu können, gemeinsam Spaß haben zu wollen, aber auch von großem Respekt gegenüber den anderen und gegenüber den Künstlern, die wir allabendlich auf den Bühnen sehen durften.

Bei einer solchen Gruppe freut man sich schon auf den nächsten Theatermarathon.